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analog oder digital kommunizieren?

ein Beitrag von
Susanne Weißl

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Die digi­ta­li­sierte Welt nimmt seit über 30 Jahren einen immer größer werden­den Einfluss auf unsere Kommu­ni­ka­tion und unsere Lebens­weise. Beson­ders seit der Corona-Pande­mie ist für viele das Wort Digi­ta­li­sie­rung nicht mehr wegzu­den­ken, um ihren Lebens­all­tag meis­tern zu können. Deshalb wollte ich wissen: Inwie­fern hat sich das Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten (von jungen Leuten), vor allem durch Corona, verän­dert? Im priva­ten Leben wie auch im schu­li­schen Kontext, aber auch zwischen den Genera­tio­nen. Sind neue Hürden entstan­den oder sind Erleich­te­run­gen einge­tre­ten?

Die Corona-Pande­mie geht mit einer zuneh­men­den Bedeu­tung von Digi­ta­li­sie­rung einher. Für mich ist klar, dass Digi­ta­li­sie­rung, vor allem in Bezug auf Kommu­ni­ka­tion, schon lange ein Thema ist. Die Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten verän­dern sich und verle­gen sich beson­ders für viele Jugend­li­che von persön­li­chen Gesprä­chen in das distan­zierte und asyn­chrone Schrei­ben. Soziale Medien nehmen eine immer bedeu­ten­dere Rolle im Bereich der Kommu­ni­ka­tion ein. Tools wie Whats­App, Insta­gram, Snap­chat und TikTok sind für die Mehr­heit aller Jugend­li­chen ein fixer Bestand­teil. Und das nicht erst seit der Corona-Pande­mie. Doch stimmt das denn wirk­lich für alle so? Ich hole mir Meinun­gen der Genera­tio­nen dazu ein.

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Anto­nia
12 Jahre
Wien
Anto­nia
12 Jahre
Wien

Inwiefern hat sich deine Kommunikation mit deinen Freund:innen durch Corona verändert?

Ich finde, Corona hat die Kommu­ni­ka­ti­ons­bar­rie­ren verrin­gert. Sowohl zu meinen Klassenkameraden/​innen, als auch zu den Lehrer/​innen. Ich traue mich jetzt mehr, meine Lehrer/​innen um Hilfe zu bitten und nach­zu­fra­gen. Außer­dem habe ich mehr Mut bekom­men vor der Klasse zu spre­chen, weil die Grup­pen klei­ner sind und ich nur nette Kinder in meiner (Gruppe) habe.

Verwendest du nun andere Kommunikationsmittel als zuvor? (Welche zum Beispiel? Nehmen diese Auswirkungen auf deine Kommunikation?)

An Kommu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len verwende ich haupt­säch­lich Whats­App und Teams. Whats­App eher für private Zwecke, Teams für die schu­li­sche, als auch die private Nutzung. Vor allem die Video-Chat Funk­tion nutze ich im Moment sehr häufig.

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Sofia
16 Jahre
Wien
Sofia
16 Jahre
Wien

Inwiefern hat sich deine Kommunikation mit deinen Freund:innen durch Corona verändert?

Ich habe einen großen Unter­schied zwischen den verschie­de­nen Lock­downs gemerkt, wenn ich an meine Kommu­ni­ka­tion denke. Anfangs wollte ich den Kontakt genauso stark halten, wie als wenn wir in der Schule wären, doch mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ein biss­chen Abstand zu ande­ren Menschen und etwas weni­ger Kommu­ni­ka­tion auch sehr gut tun kann. Kontakte aufrecht­zu­er­hal­ten bedeu­tet auch immer viele Verpflich­tun­gen und Zeit­auf­wand. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass auch mit weni­ger Kontakt unter­ein­an­der, Freund­schaf­ten aufrecht erhal­ten blei­ben können. Besteht die Möglich­keit sich zu sehen, fühlt sich die gemein­same Zeit doppelt so wert­voll an. Außer­dem konnte ich zu meinem gleich­alt­ri­gen Cousin in Spanien einen Kontakt aufbauen, den es ohne Corona wahr­schein­lich niemals gege­ben hätte, da wir uns in den Ferien in Spanien gese­hen hätten. Da diese Möglich­keit nicht gege­ben war, muss­ten wir unsere Kommu­ni­ka­tion digi­tal fort­füh­ren, was sich bis heute gehal­ten hat. Und was ich sehr schön finde!

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Astrid
16 Jahre
Wien
Astrid
16 Jahre
Wien

Inwiefern hat sich deine Kommunikation mit deinen Freund:innen durch Corona verändert?

Der Kontakt zu meinen Verwand­ten hat sich, genauso wie bei Sofia, durch die Corona-Zeit verstärkt. Ich habe meine Verwand­ten in Mexiko zwar noch nie besucht, aller­dings kommen sie norma­ler­weise zu uns. Letz­tes Jahr im März sind sie sogar für die Zeit des 1. Lock­downs zu uns gezo­gen, was den Kontakt noch mehr verstärkt hat.

Dieser Kontakt hat sich dann gehal­ten. Im Schul­kon­text hat sich das ähnlich entwi­ckelt. Dadurch, dass wir unsere Lehrer eher weni­ger fragen konn­ten, wenn wir etwas nicht verstan­den hatten, haben wir uns unter­ein­an­der noch mehr vernetzt, als früher schon. Hilfe­stel­lun­gen wurden vonein­an­der und fürein­an­der gebo­ten sowie um Hilfe gebe­ten. Im distance lear­ning habe ich mich leich­ter getraut meine Freund*innen/Klassenkamerad*innen um Hilfe zu fragen. Auch das hat sich dann bis in die Zeit des physi­schen Unter­richts gehal­ten. Ich kann aller­dings nicht zu 100% sagen, ob diese Verän­de­rung von Corona kommt, da ich auch älter und reifer gewor­den bin. Daher kann ich nicht sagen, ob die Auswir­kun­gen mit der vergan­ge­nen Zeit oder der Zeit im Distance Lear­ning zusam­men­hän­gen.

Verwendest du nun andere Kommunikationsmittel als zuvor? (Welche zum Beispiel? Nehmen diese Auswirkungen auf deine Kommunikation?)

Allge­mein haben sich meine Kommu­ni­ka­ti­ons­mit­tel inso­fern geän­dert, dass ich schnel­ler zum Video-Chat greife, wenn ich etwas von jeman­dem brau­che. Die Zeit, die ich früher “normal” tele­fo­niert hätte, die nutze ich heute für Video­an­rufe. Dadurch habe ich die Möglich­keit, dass ich meine Freund*innen wenigs­tens sehe.

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Caro
12 Jahre
Wien
Caro
12 Jahre
Wien

Inwiefern hat sich deine Kommunikation mit deinen Freund:innen durch Corona verändert?

Ich habe vor allem gemerkt, dass die Kommu­ni­ka­tion zu nahe wohnen­den Bekannten/​Freunden wieder zuge­nom­men hat. Ehema­li­gen Klassenkamerad*innen aus der Volks­schule, welche ich seit Jahren nicht mehr gespro­chen habe, konnte ich mich wieder annä­hern. Jetzt sind wir gut mitein­an­der befreun­det. Zu meinen Freund*innen hat sich die Kommu­ni­ka­tion nur in dem Sinne verän­dert, dass wir uns jetzt weni­ger tref­fen und dafür mehr über Video-Chat tele­fo­nie­ren.

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Herr Simo­nitsch
Lehrer BG Boer­haa­ve­gasse
50 Jahre
Wien
Herr Simo­nitsch
Lehrer BG Boer­haa­ve­gasse
50 Jahre
Wien

Hat sich deine Kommunikation durch Corona verändert?

Die Kommu­ni­ka­tion zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen ist nieder­schwel­li­ger gewor­den. Was die Bezie­hung zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen oftmals verein­facht. Durch die Verwen­dung von MS Teams, von der ganzen Lehrer- und Schü­ler­schaft, hat sich die Kommu­ni­ka­tion sowohl unter Kolleg*innen als auch mit den Schüler*innen sehr verein­facht. Für mich als Lehrer hat die Einfüh­rung von Teams als Kommu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, viele Vorteile mit sich gebracht, weil es den Austausch leich­ter und schnel­ler gemacht hat. Die verschie­de­nen Grup­pen haben einfach mehr Verständ­nis fürein­an­der, weil auf beiden Seiten z.B. im digi­ta­len Bereich, Probleme, die nicht beein­flusst werden können, auftre­ten.

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Hannes Lewin­ski
69 Jahre
Wien
Hannes Lewin­ski
69 Jahre
Wien

Hat sich deine Kommunikation durch Corona verändert?

Ich habe schon vor Corona die sozia­len Kanäle, Face­book und E‑Mail benutzt. Diese verwende ich auch weiter­hin. Neue Kanäle, wie zB. Whats­App nutze ich aller­dings nicht. Auch in der Kommu­ni­ka­tion zwischen den verschie­de­nen Genera­tio­nen merke ich keinen großen Unter­schied, da ich die Medien verwende, die ich davor schon genutzt habe, und alle ande­ren Menschen auch. Auf meine Kommu­ni­ka­tion hatte Corona eher wenig Einfluss. Ich bin auch der Meinung, dass die Kommu­ni­ka­tion zwischen den Genera­tio­nen gene­rell nicht vorhan­den ist, weil für Viele die Zeit fehlt. Durch die Digi­ta­li­sie­rung ist alles stres­si­ger gewor­den.

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Johanna Weißl
82 Jahre
Wien
Johanna Weißl
82 Jahre
Wien

Inwiefern hat sich deine Kommunikation mit deinen Freund:innen durch Corona verändert?

Für mich hatte Corona auf mein Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten sogar eine posi­tive Auswir­kung. Durch die erzwun­gene Ausgangs­be­schrän­kung habe ich beschlos­sen, das ganze Jahr in unse­rem Neben­wohn­sitz in Klos­ter­neu­burg zu verbrin­gen (Nieder­ös­ter­reich). Dort habe ich einen Garten und dadurch auch mehr Frei­raum. Meine direk­ten Nach­barn sind eben­falls in ihren Häusern in Klos­ter­neu­burg geblie­ben, wodurch sich mehr Kontakt zu diesen aufgrund vieler „über den Zaun- Gesprä­che” erge­ben hat. Eine nette Abwechs­lung zum Alltag. Denn in Wien wäre ich ansons­ten nur alleine gewe­sen.

Verwendest du nun andere Kommunikationsmittel als zuvor? (Welche zum Beispiel? Nehmen diese Auswirkungen auf deine Kommunikation?)

Durch einen Zufall habe ich in der Corona-Zeit Whats­App bekom­men. Viel Unter­schied macht es in meinem Leben nicht, da ich nur mit meiner Fami­lie dieses Tool nutze. Aller­dings möchte ich es trotz­dem nicht mehr missen, da es sehr wohl die Kommu­ni­ka­tion verein­facht. Aller­dings würde ich die Video-Chat Funk­tion niemals nutzen. Sie ersetzt für mich keine „echte“ Kommu­ni­ka­tion und bietet auch keinen Mehr­wert. Entwe­der ich treffe mich mit Menschen persön­lich oder ich tele­fo­niere mit ihnen. Video-Chat ist irgend­wie so „halb- halb“. Das mag ich nicht. Mein allge­mei­nes Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten hat sich in der Corona-Zeit sehr wohl verän­dert: Nicht nur aufgrund der Nutzung von Whats­App, sondern auch durch die Tatsa­che, dass ich mit meinen Nach­barn in einem viel stär­ke­ren Austausch war und auch durch die regel­mä­ßi­gen Tref­fen mit meinen Kindern/​Enkelkindern. Diese versorg­ten mich wöchent­lich mit Einkäu­fen und verbrach­ten gele­gent­lich auch mal einen Tag bei mir auf dem Land.

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Bei den meis­ten Interviewpartner*innen verän­dert sich ihr Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten während der Pande­mie. Dies gilt jedoch nicht für die Kommu­ni­ka­tion zwischen den Genera­tio­nen, trotz verstärk­ter Digi­ta­li­sie­rung. Die jungen Leute räumen beispiels­weise dem Video­te­le­fo­nie­ren einen größe­ren Stel­len­wert ein: Eine gute Möglich­keit mit seinen Freund*innen und Fami­lie in Kontakt zu blei­ben und sich zu sehen; wenn auch nur über den Bild­schirm. Im schu­li­schen Kontext wird die Kommu­ni­ka­tion zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen als nieder­schwel­li­ger empfun­den: Die Einfüh­rung digi­ta­ler Platt­for­men wie etwa MS Teams erleich­tert die Kommu­ni­ka­tion und die jungen Leute trauen sich mehr zu fragen. Sowohl zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen, als auch in Bezug auf das Spre­chen in und vor der Klasse. Ein Vorteil: Die Grup­pen vor Ort waren klei­ner und alle hatten Verständ­nis fürein­an­der. Alle wuss­ten, dass gewisse tech­ni­sche Probleme nicht beein­flusst werden können. Eben­falls hat sich die Vernet­zung unter den jungen Leuten verbes­sert. Der Austausch findet schnel­ler und einfa­cher statt.

Ein bemer­kens­wer­ter Aspekt: Die Corona-Pande­mie führt für einige dazu, dass sie (wieder) stär­ker Kontakt zu ihrem unmit­tel­ba­ren Umfeld pfle­gen. Analoge Gesprä­che zu den Nachbar*innen haben sich inten­si­viert und Freund­schaf­ten sind entstan­den. Gleich­zei­tig erge­ben sich Bezie­hun­gen, zu ehema­li­gen Freund*innen oder zu Verwand­ten, die weit entfernt leben, welche zuvor undenk­bar gewe­sen wären. Gut zu wissen ist: Der Kontakt zu den Freund*innen ist nicht abge­bro­chen. Freund­schaf­ten blei­ben auch dann bestehen, wenn man sich nicht so oft sieht.

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Perspektive gewinnen, was wissen wir?

Im Mai konnte ich mein Wissen im Bereich Kommu­ni­ka­tion und Digi­ta­li­sie­rung durch das Expert*inneninterview mit Marlena Koppen­dor­fer vertie­fen. Sie hat einen bunten Werde­gang und unter ande­rem auch eine sehr umfang­rei­che Ausbil­dung im Bereich der Sprach­wis­sen­schaf­ten. Mitt­ler­weile ist Frau Koppen­dor­fer zu ihrem Herzens­thema zurück­ge­kehrt: Der psycho­lo­gi­schen Bera­tung und Psycho­the­ra­pie. Sie arbei­tete viele Jahre bei “147 Rat auf Draht” als psycho­lo­gi­sche Bera­te­rin. Eben­falls gibt sie bis heute Work­shops zum Thema Safer Inter­net. Seit eini­gen Mona­ten ist sie im Kinder- und Jugend­psych­ia­tri­schen Ambu­la­to­rium in Wien Florids­dorf tätig sowie für den Verein Courage, für den sie im Bereich LGBTQ-Bera­tung aktiv ist.

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Expertinneninterview mit Marlena Koppendorfer

Marlena Koppen­dor­fer
Wien
Marlena Koppen­dor­fer
Wien

Susanne: Vielen lieben Dank, dass Sie sich heute für das Interview Zeit genommen haben. Mein Blogbeitrag bearbeitet das Thema „Kommunikation und Digitalisierung“, vor allem in Zeiten von Covid-19. Nun würde mich interessieren, ob Sie Erfahrungen damit gemacht, dass sich der Wortschatz oder die Ausdrucksweise von den Kindern und Jugendlichen durch die Nutzung von digitalen Medien verändert.

M.K.: Spra­che ist immer prozess­haft, sie befin­det sich stets im Wandel. Sie wird beein­flusst durch die jewei­lige Kultur, durch das Stadt- oder Land­le­ben aber auch durch unsere Bezugs­per­so­nen sowie unse­ren Freun­des­kreis. Spra­che verän­dert sich durch diese Kompo­nen­ten stän­dig. Auch die Jugend­spra­che befin­det sich aufgrund unter­schied­li­cher Einflüsse stän­dig im Wandel. Natür­lich wirkt sich die Nutzung der Medien eben­falls auf die Spra­che aus. Ein Beispiel: Vermehrt werden englisch­spra­chige Worte verwen­det. Wenn ich nach­frage: Woher hast du das Wort? Kommt ganz oft: Aus Tik Tok-Videos (die sehr oft englisch­spra­chig sind). Genauso sind auf Insta­gram viele Stories, Youtube-Videos oder Let‘s play-Anlei­­tun­­­gen zum Gaming auf englisch. Sollte das der Fall sein, dann entsteht ganz oft ein “Misch-Slang” zwischen engli­schen, deut­schen, deutsch-öster­­rei­chi­­schen Wörtern und ganz spezi­fi­schen Ausdrü­cken von bestimm­ten Szenen. Das ist spür­bar.

Susanne: Weil wir gerade von Sozialen Medien und den digitalen Medien sprechen: Social Media beinhaltet ja, dass die Kommunikation nur eingeschränkt auf der nonverbalen Kommunikationsebene stattfinden kann. Denken Sie, dass sich die Fähigkeiten im Bereich “nonverbaler oder paraverbaler Kommunikation” von jungen Menschen verändert oder verschlechtert hat?

M.K.: Das ist eine sehr gute Frage, die mich schon oft zum Nach­den­ken gebracht hat. Ich befürchte, dass ich diese Frage nicht ganz konkret beant­wor­ten kann. Ein Wunsch von mir ist, dass wir neben der digi­ta­len Kommu­ni­ka­tion auch noch andere „Bühnen der Kommu­ni­ka­tion“ haben. Unab­hän­gig ob in der Schule, im Kinder­gar­ten, im Freun­des­kreis oder aber auch in der Fami­lie. Das heißt, dass ein sozia­les Lernen von Mimik, Gestik und Ausdruck noch möglich ist. Denn in digi­ta­len Medien kann die Ausdrucks­weise schnell zur Verwir­rung führen. Das bedeu­tet: Ich kann nicht immer deuten, wie mein Gegen­über das Geschrie­bene meint. Sprach­nach­rich­ten können jedoch unter­stüt­zend wirken: Denn die Tonlage erlaubt es, dass ein biss­chen mehr heraus­ge­hört werden kann. Genauso wie Emojis: Wir alle denken, dass wir wissen, wann und für was wir sie verwen­den. Aber wie diese bei einer ande­ren Person ankom­men, ist mögli­cher­weise nicht immer so, wie wir uns das wünschen.

Das glei­che gilt für die Bilder­wel­ten, die eine immer größere Rolle spie­len. Teil­weise werden sehr unrea­lis­ti­sche Bilder vermit­teln: Wir alle versu­chen im Digi­ta­len nur unsere besten Seiten zu präsen­tie­ren. Deshalb sollte berück­sich­tigt werden: Diese Bilder entspre­chen nicht immer dem, wie wir uns im Alltag begeg­nen.

Ein ernst­zu­neh­men­des Thema: „Hass im Netz“, vor allem im Bereich Mobbing. Tritt der Fall ein, dass wir kein sicht­ba­res Gegen­über haben, trauen wir uns mehr. Das kann auch etwas Schö­nes sein, aber gerade, wenn es um Hass im Netz geht, auch sehr verlet­zend sein. Das bedeu­tet: Käme es dazu, dass wir so gut wie nur noch digi­tal kommu­ni­zie­ren, gehe ich davon aus, dass wir uns mit der Zeit neue Fähig­kei­ten antrai­nie­ren würden. Momen­tan ist es eine gemischte Form. Oftmals ist der wich­tigste Griff jener zum Tele­fon oder zum Video­chat. Dadurch kann man sich teil­weise sehen und es entste­hen mehr Möglich­kei­ten sich gegen­sei­tig einzu­ord­nen.

Susanne: Glauben Sie, dass es schulische Auswirkungen haben kann, wenn Menschen schon jung sehr viel schreiben? Bzw. es sich negativ auf den Wortschatz und die Art der Kommunikation auswirken kann, wenn man viel über digitale Medien miteinander schreibt?

M.K.: Vermut­lich gilt auch hier die Möglich­keit zu beidem. Die meis­ten haben Auto­kor­rek­tur auf dem Handy. Diese setzt zwar keine Beistri­che für uns, aber manch­mal wird ange­zeigt, wie Wörter rich­tig geschrie­ben werden. Das heißt: Wir haben dadurch die Möglich­keit, uns ein biss­chen selbst zu korri­gie­ren. Dadurch geschieht eines aller­dings weni­ger: Dass wir den Korrek­tur­mo­dus in uns selbst haben! Was ich damit meine? Dass wir teil­weise weni­ger selbst­kri­tisch sind und unsere Fehler erken­nen können. Eine Hypo­these wäre deshalb: Die verstärkte Nutzung von digi­ta­len Medien könnte dazu verfüh­ren, dass Menschen weni­ger sorg­fäl­tig mit ihrer Spra­che umge­hen. Das ist am Mix von verschie­de­nen Spra­chen, Dialek­ten, einer Alltags­spra­che und einer schrift­li­chen Spra­che erkenn­bar. Denn auch die gespro­chene Spra­che unter­schei­det sich von der schrift­li­chen Spra­che. Denn die Text­form, die wir in der Schule kennen­ler­nen und vor allem für unser späte­res Leben sehr wich­tig sein kann, ist mögli­cher­weise eine andere, eine förm­li­chere Spra­che als im Alltag. Zwei­fels­ohne kann die gespro­chene Spra­che jedoch eine gute Option sein, in Kontakt zu kommen. Aber es ist wich­tig sich im Konkre­ten anzu­schauen, wie Spra­che funk­tio­niert: Eine Spra­che, die wir in der Schule und/​oder im Berufs­le­ben brau­chen, um beispiels­weise ein eige­nes Buch oder einen eige­nen Text zu schrei­ben, funk­tio­niert anders als die Alltags­spra­che. Ich denke, dass beides möglich ist. Gene­rell ist es wich­tig, egal in welchem Medium wir uns bewe­gen, dass wir bewusst mit der Spra­che umge­hen. Hier­bei nimmt die Schule sicher­lich eine bedeu­tende Rolle ein.

Eine weitere Entwick­lung, die bedeut­sam ist: Viele Kinder und Jugend­li­che sind nicht mehr so stark in der Hand­schrift veror­tet. Es gibt eine Hypo­these, die besagt, dass irgend­wann die hand­schrift­li­che Schreib­weise ausster­ben wird, weil wir über die Tasta­tur und über die Sprach­nach­rich­ten so viele unter­schied­li­che Optio­nen des “in den Kontakt Tretens” haben. Der Hand­schrift wird dann keine so große Bedeu­tung mehr beigemes­sen. Das könnte eine mögli­che Verän­de­rung sein.

Gleich­zei­tig gibt es eine Gegen­be­we­gung von Menschen, die gerne lesen, sich hinset­zen, schrei­ben und sich in die Mate­rie vertie­fen. Damit möchte ich sagen: Es gibt keinen gene­rel­len Trend, aber natür­lich gibt es Punkte, auf die man selbst achten kann.

In Bezug auf die verschie­de­nen Kommu­ni­ka­ti­ons­for­men möchte ich noch etwas einbrin­gen: Ich hoffe folgen­des Gefühl kommt nicht auf: Dass wir diese unter­schied­li­chen Text­for­men beherr­schen müssen. Viel­mehr würde ich mir wünschen, dass alle Menschen, ob jung oder alt, die Fragen „Wo befin­den wir uns?“ sowie „Mit wem möchte ich in Kontakt treten?“ und „Wie und in welcher Form?“ in ihre Gedan­ken mitein­be­zie­hen. Denn der Mensch verhält sich immer kontext­be­zo­gen. Ein Beispiel: Ich werde in diesem Inter­view auf eine andere Art kommu­ni­zie­ren, als wenn ich mich mit einer Freun­din am Tele­fon unter­halte. Umso besser ich meine Kommu­ni­ka­tion auf eine Person, auf eine Situa­tion sowie auf den Kontext zuschneide, desto höher sind meine Chan­cen, dass ich mit ande­ren Menschen gut in Kontakt treten kann und auch verstan­den werde. Und das ist meiner Meinung nach durch­aus ein anzu­stre­ben­des Ziel.

Susanne: Sie haben kurz das Thema Cyber-Mobbing angesprochen: Denken Sie, dass das physische Mobbing aufgrund dessen abgenommen und sich ausgeglichen hat oder hat sich Mobbing generell einfach nur verstärkt?

M.K.: Cyber-Mobbing stellt eine neue Form von Mobbing dar. Das Mobbing im Mitein­an­der wird dadurch leider nicht weni­ger. Wir nehmen in der Bera­tung und in der Arbeit mit Kindern und Jugend­li­chen wahr, dass Cyber-Mobbing seinen Ursprung nicht selten im Klas­sen­raum oder im Freun­des­kreis hat. Das bedeu­tet: Mobbing setzt sich online oder übers Handy einfach fort. Sprich über Text­nach­rich­ten, über Sprach­nach­rich­ten oder über Grup­pen.

Die digi­tale Welt bietet noch mehr Optio­nen mit ande­ren Menschen in Kontakt zu kommen. Es können Likes verschickt, Freund­schafts­an­fra­gen versen­det und mitein­an­der in den Austausch getre­ten werden. Bedau­er­li­cher­weise ist es nicht immer so, dass alle dabei etwas Gutes im Sinn haben. Es kann passie­ren, dass auch die nicht so guten Erfah­run­gen weiter­ge­ge­ben werden. Und in Anbe­tracht dessen ist Cyber-Mobbing etwas Neues: Menschen, die sich noch nie gese­hen haben, treten in einer gewalt­tä­ti­ge­ren Form in Kontakt. Das hat es zuvor so nicht gege­ben.

Susanne: Ich würde gerne auf die Lösungsansätze eingehen: Die momentane Zeit ist eine physisch sehr distanzierte. Das ist Fakt. Wie kann Kommunikation zwischen den Generationen – besonders auch zwischen den jungen Leuten – dennoch gut funktionieren? Haben Sie Tipps, wie diese am besten funktionieren kann?

M.K.: Alter­na­ti­ven wären: Online-Tref­­fen ausma­chen, um mitein­an­der Spiele zu spie­len und sich dabei zu sehen. Genauso wie Video zu tele­fo­nie­ren, um ins Gespräch zu kommen, um sich auszu­tau­schen, aber auch um gemein­sam Serien zu schauen oder um mitein­an­der Sport zu betrei­ben. Das kann mit einer App aufein­an­der abge­stimmt werden. Das Glei­che gilt für Verwandte und andere Bezugs­per­so­nen: Konkrete Tref­fen einpla­nen und bespre­chen: Was können wir mitein­an­der tun? Ein Vorschlag wäre: An einem Tag plant Person 1, wie die Zeit gestal­tet wird und am nächs­ten Tag Person 2. Hier­bei ist es gut zu wissen: Es ist okay, sich auf einen Vorschlag einzu­las­sen, vor allem wenn dieser der ande­ren Person am Herzen liegt, auch wenn ich die Akti­vi­tät selbst nicht so gerne mache. Das heißt: Bis zu einem gewis­sen Grad mit der Situa­tion zu expe­ri­men­tie­ren.

Es ist eben­falls wich­tig bei den vielen Versu­chen in Kontakt zu treten, nicht zu verges­sen, sich Zeit frei­zu­hal­ten, in der man sich selbst begeg­net. Damit ist gemeint: Zeit runter­zu­kom­men, Musik zu hören oder in die Natur zu gehen, um die Gedan­ken schwei­fen zu lassen und sich wieder im Raum orien­tie­ren zu können. Eine Frage: Kennst du das Gefühl, wenn du den ganzen Tag vor dem Bild­schirm oder vor dem Handy sitzt, und irgend­wann die Situa­tion eintritt, dass deine Augen nicht mehr in die Ferne fokus­sie­ren können? Oder man auf einmal spürt, dass man den Raum anders wahr­nimmt?

Damit möchte ich sagen: Nicht nur schnell bewegte und bunte Bilder in Grup­pen­chats oder im Gaming zu erle­ben, sondern auch durch­zu­at­men und den Blick schwei­fen zu lassen. Bewusst aus der Situa­tion heraus­zu­ge­hen und sich selbst erle­ben.

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Lösungsansätze entwickeln und sichtbar machen.

Was können wir selbst tun?

Die Kommu­ni­ka­tion von jungen Leuten verla­gert sich immer mehr in den digi­ta­len Raum, durch Corona wurde dieses Phäno­men noch verstärkt. Aus den Gesprä­chen mit den unter­schied­li­chen Genera­tio­nen haben sich Lösungs­vor­schläge, wie Kommu­ni­ka­tion trotz zuneh­men­der Digi­ta­li­sie­rung gut funk­tio­nie­ren kann, erge­ben. Auch was bei konkre­ten Proble­men, die in der virtu­el­len Welt entste­hen, hilf­reich sein könnte.

Wie können digi­tale Medien unter­stüt­zend auf die Kommu­ni­ka­tion wirken?

  • in der einfa­chen Vernet­zung: junge Leute können sich stär­ker vernet­zen
  • aufgrund der größe­ren Anony­mi­tät traut man sich mehr zu fragen
  • bei Proble­men, kann schnell Hilfe aufge­sucht werden
  • digi­tale Platt­for­men könn­ten die Kommu­ni­ka­tion (zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen) leich­ter machen
  • auf Corona bezo­gen: In einer distan­zier­ten Zeit hilft es per Video-Chat mitein­an­der zu kommu­ni­zie­ren, die ande­ren (jungen) Leute werden dadurch greif­ba­rer

Was kann förder­lich sein für eine gute Balance zwischen digi­tal und analog?

  • Zeit­ein­tei­lung – Refle­xion: Wie lange bin ich am Tag digi­tal unter­wegs? Was macht es mit mir?
  • Sich bestimmte Hobbies suchen, die immer analog blei­ben
  • Zeit für sich selber nehmen, wo man sich selbst begeg­net. Musik hören, Sport trei­ben, in die Natur gehen etc.
  • Ansprech­per­so­nen haben, die nicht nur in der digi­ta­len Welt sind. Um Mimik und Gestik gut erler­nen zu können. Geschrie­be­nes kann nicht immer rich­tig gedeu­tet werden.

Wie kann Kommu­ni­ka­tion gene­rell gut funk­tio­nie­ren?

  • Es ist wich­tig offen und ehrlich zu sein und zu versu­chen, seine Bedürf­nisse klar zu kommu­ni­zie­ren, ohne dabei verlet­zend zu sein.
  • Refle­xion der unter­schied­li­chen sprach­li­chen Ebenen — gespro­chene und geschrie­bene Spra­che machen einen Unter­schied. An den Kontext, Situa­tion und den/​die Adressat:in die eigene Kommu­ni­ka­tion anpas­sen.
  • Zwischen den Genera­tio­nen: Tref­fen ohne digi­tale Medien einpla­nen und mitein­an­der persön­lich Zeit verbrin­gen. Auf die gegen­sei­ti­gen Wünsche einge­hen.

Was kann man gegen Cybermob­bing tun?

  • Austausch mit ande­ren Betrof­fen (dies sollte jedoch jeden­falls profes­sio­nell beglei­tet werden)
  • Bera­tungs­stel­len, wie etwa “Hass im Netz” oder “147 Rat auf Draht” aufsu­chen und sich darüber infor­mie­ren, was dage­gen getan werden kann
  • Einschrei­ten und den “Mund aufma­chen”, wenn beob­ach­tet wird, dass ein Mensch gemobbt wird
  • Passiert (Cyber-)Mobbing in der Schule kann die Schul­so­zi­al­ar­beit oder der Klas­sen­vor­stand als Unter­stüt­zung ange­spro­chen werden

Wie können (junge) Menschen mit unrea­lis­ti­schen Bildern aus dem Inter­net umge­hen? (-> bear­bei­tet)

  • Wissens­ver­mitt­lung, dass es nur idea­li­sierte Bilder sind, keine realen (mögli­cher­weise das “Bild markie­ren”, wie es in Frank­reich schon der Fall ist)
  • Sich auch Influ­en­cer suchen, die reale Bilder posten, nicht nur die idea­lis­ti­schen — gibt es dafür Beispiele?