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Wie wirkt sich die Pandemie auf meine Rechte aus?

Ein Beitrag von
Muhammad Kudusov und Viktoria Ganahl

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Am 20. Novem­ber wurde der UN-Kinder­recht­e­tag gefei­ert. Doch wie steht es mit den Kinder­rech­ten während einer welt­wei­ten Pande­mie? Geschlos­sene Frei­zeit­be­triebe, abge­sagte Veran­stal­tun­gen und Ausgangs­sper­ren wirken sich auf jede Alters­gruppe unter­schied­lich aus. Wir alle wissen: Der massive Anstieg von Corona-Infek­tio­nen machte auch in Öster­reich einen zwei­ten Lock­down nötig. Die stren­gen Maßnah­men dienen zur Eindäm­mung des Virus. Und sie schrän­ken die Frei­hei­ten der Menschen enorm ein. Beson­ders betrof­fen von diesen Maßnah­men sind Kinder und Jugend­li­che. Statt im gemein­sa­men Spiel und bei Partys mit Freund*innen in Lebens­freude und Spaß einen Ausgleich zum Lernen zu schaf­fen, sitzen die jungen Leute im Home­schoo­ling isoliert vor dem Bild­schirm. Viele fühlen sich einsam und vermis­sen den Austausch mit Gleich­alt­ri­gen sehr. Bei Erwach­se­nen stoßen diese Gefühle mitun­ter auf Unver­ständ­nis oder werden über­haupt nicht wahr­ge­nom­men. Was denken Jugend­li­che über die Einschrän­kung ihrer Rechte und Frei­hei­ten?

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Noelia Gutschi
13 Jahre
Graz
Noelia Gutschi
13 Jahre
Graz

Ist es schwierig, mit Freund*innen in Kontakt zu bleiben?

Im ersten Lock­down habe ich sehr viele Briefe geschrie­ben. Da die Leute mehr Zeit hatten und daheim waren, haben sie auch geant­wor­tet. Wenn Freunde in Quaran­täne waren, habe ich zum Beispiel eine Scho­ko­lade verpackt. Dann bin ich mit dem Fahr­rad zu ihnen hinge­fah­ren und habe sie in den Post­kas­ten gewor­fen. Man freut sich über solche klei­nen Gesten mehr als über eine Nach­richt auf Whats­App – so kommt es mir vor. Mit den meis­ten habe ich aber einfach nur tele­fo­niert oder digi­tal gere­det.

Findest du, dass deine Rechte durch Covid-19 eingeschränkt werden?

Ich finde, dass Kinder in der Corona-Krise ein biss­chen vernach­läs­sigt werden. Baumärkte zum Beispiel haben vor den Schu­len und Spiel­plät­zen aufge­macht. Bei uns haben die meis­ten aber keinen Garten. Außer­dem haben Kinder weni­ger Kontakt mit Gleich­alt­ri­gen und Freun­den. Ich finde, Freunde sehen zu dürfen ist schon ein Recht. Eine Schü­le­rin aus meiner Klasse hat kein Handy und keinen Compu­ter. Ich habe sie ein halbes Jahr lang nicht gese­hen! Das ist dann trau­rig. Ich glaube schon, dass meine Rechte ein biss­chen einge­schränkt werden. Aber in einer Pande­mie muss wohl, glaube ich, zuerst an Pati­en­ten gedacht werden und erst an zwei­ter Stelle an Rechte.

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Julian Ganahl
17 Jahre
Walgau
Julian Ganahl
17 Jahre
Walgau

Kannst du deine Hobbys weiterhin ausführen?

Meine Hobbys sind haupt­säch­lich drei Bands. Mit einer Band sind wir auf Discord umge­stie­gen. Das heißt, wir versu­chen, an unse­rem eige­nen Zeug zu basteln, und jeden Sonn­tag tref­fen wir uns in einem Anruf. Jemand teilt das Audio­pro­gramm, dann können wir es uns gemein­sam anhö­ren und Verän­de­run­gen vorschla­gen. Es funk­tio­niert aber zeit­lich nicht so gut. Norma­ler­weise haben Schu­len und Proben einen Zeit­plan, jetzt vermischt sich alles.

Auf welche Rechte könntest du längerfristig kaum verzichten?

Eindeu­tig darauf, dass sich nicht mehr als zwei Perso­nen tref­fen dürfen. Als Jugend­li­cher gehört es dazu, dass man in Grup­pen unter­wegs ist. Man kann sich nicht gesund entwi­ckeln, wenn man stän­dig abge­schot­tet und isoliert ist. Es ist nicht natür­lich. Länger­fris­tig würde es auch nicht klap­pen, wenn ich auf die Schule verzich­ten müsste. Mein Tages­plan kommt durch­ein­an­der. Bisher musste ich mich nicht um einen struk­tu­rier­ten Tages­ab­lauf kümmern. Das ist jetzt anders.

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Susanne Weissl
15 Jahre
Schü­ler­ver­tre­te­rin
Wien
Susanne Weissl
15 Jahre
Schü­ler­ver­tre­te­rin
Wien

Am 20. November war der Tag der Kinderrechte. Werden diese während der Pandemie beachtet?

Natür­lich, denn unsere Rechte werden vom Bundes­mi­nis­te­rium nicht einschränkt. Es gibt kein Recht darauf, direkt in die Schule zu gehen, sondern ein Recht auf Bildung. Es gibt ein Recht, nicht in Abge­schie­den­heit zu leben. Aber unsere sozia­len Kontakte werden uns nicht komplett genom­men. Man muss mitden­ken, das ist wich­tig. Die Regie­rung versucht, uns so viel Rechte wie möglich zu einzu­räu­men, aber es ist nun mal eine Krisen­si­tua­tion.

Wie ist das als SV (Schülervertreter) in dieser Krise?

Gestern gab es eine Umfrage für die Ober­stufe. Dort sollen Schüler*innen Feed­back geben und von den Proble­men berich­ten. Sind die Aufga­ben viel­leicht zu viel? Wir machen das auch bald für die Unter­stufe. Unsere Schule hat auch dieses Jahr einen Insta­gram Account, wo neue Infos gepos­tet werden. Dann sind alle auf dem glei­chen Stand. Wir haben auch eine Platt­form für Fragen. Manche Fragen erhal­ten wir auch per Whats­App oder Insta­gram. Damit sind wir ein Teil des Krisen­teams, welches vom Direk­tor gegrün­det wurde. Wie das mit Lernen funk­tio­niert, ob es Schicht­be­trieb oder E‑Learning geben wird, wurde und wird mit uns bespro­chen. Wir geben auch Feed­back.

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Max Ben Romd­hane
13 Jahre
Bregenz
Max Ben Romd­hane
13 Jahre
Bregenz

Hast du Stress wegen dem E‑Learning?

Ich finde es anstren­gend. Vor dem Compu­ter zu sitzen macht nicht so viel Spaß. Es macht rich­tig müde. Manch­mal tele­fo­niere ich mit der Schul­klasse. Das ist aber nicht dasselbe, wie gemein­sam an einem Tisch zu sitzen. Es ist stres­sig, wenn die Inter­net­ver­bin­dung spinnt oder es Probleme mit dem Link gibt. Was passiert, wenn ich zu spät rein­komme? Wir machen eher neuen Stoff und jeden Montag zu einer bestimm­ten Zeit bekom­men wir ein Arbeits­pa­ket, welches man später wieder abge­ben muss. Dann gibt es ein paar Aufga­ben für mehrere Fächer, auch Part­ner­ar­beit in Break-Out-Rooms auf Zoom. Das sind eigene Räume für Meetings, von denen man aber wieder ins Haupt­mee­ting zurück­keh­ren kann. Mit dem Stun­den­plan ist es jetzt besser. Davor wusste man von einem Tag auf den ande­ren nichts Genaues. Aber nun ist alles besser. Man wird auch entspann­ter, denn man hat nicht so viele Verpflich­tun­gen wie sonst.

Wie steht es mit euren Freiheiten? Werden diese eingeschränkt?

Es ist ein biss­chen blöd, dass man sein Hobby nicht ausüben darf. Meine Schwes­ter darf zum Beispiel nicht mehr zum Turnen und auch Profi­sport­ler brau­chen eine Berech­ti­gung. Ich kenne eine Sport­le­rin aus dem Ort, die mit dem Bürger­meis­ter Briefe hin und her schickt. Ich hatte davor im Verein 7 Jahre Klet­tern und bin zurzeit in einem Skiver­ein. Aber da können wir nicht trai­nie­ren, obwohl ich so gerne fahre. Ich werde aber zur Jugend­feu­er­wehr gehen, das wird inter­es­sant.

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E‑Learning und keine Freunde tref­fen – beides große Heraus­for­de­run­gen für die Jugend. Die jungen Leute aber finden neue Wege, um in Kontakt zu blei­ben: Sei es per Video­chat oder nur zu zweit unter Einhal­tung der Abstands­re­geln. Man vermisst dennoch seine Vereine und Akti­vi­tä­ten mit mehr als einer Person. Die Jugend­li­chen und Kinder sind sich auch ihrer Pflicht bewusst und halten sich an die Maßnah­men. Sie denken an die Betrof­fe­nen und erken­nen, dass die Maßnah­men und der Lock­down gute Gründe haben. Sie verzich­ten auf ihre Frei­hei­ten, um die betrof­fe­nen Menschen zu schüt­zen.

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Perspektive gewinnen, was wissen wir?

Expert*innen im Interview

Wie wirkt sich die Pandemie auf die Psyche der Jugendlichen aus?

Hedwig Wölfl
Fach­li­che Leitung
Die Möwe
Hedwig Wölfl
Fach­li­che Leitung
Die Möwe

Heute wissen wir aus Daten von Studien, dass Kinder, welche vorbe­las­tet sind, ganz beson­ders leiden. Wir haben viel gelernt und die Kinder auch. Sie bilden bereits Resi­li­enz, also Wider­stands­kraft, um besser mit den Umstän­den umzu­ge­hen, aber es ist dennoch eine Ausnah­me­si­tua­tion. Sie können ihre Freun­dIn­nen und Peers nicht mehr tref­fen, obwohl es im Sommer in einer Unter­bre­chung noch möglich war. Kinder aus bildungs­är­me­ren Schich­ten verlie­ren den Anschluss bei der Bildung. Sie kommen oft in der Schule nicht gut mit oder bekom­men schwe­rer eine Lehr­stelle. Gewalt in der Fami­lie, psychi­sche Probleme und Stress durch die Eltern sind typi­sche Probleme für viele Kinder. Wenn die Eltern ein Video-Meeting haben, dann müssen sie leise sein. Gewalt im Haus­halt hat um 10 bis 20 Prozent zuge­nom­men, ebenso Ängste. Man hat vor vielem Angst, das ist auch nichts Schlech­tes und muss nicht direkt zur Suizi­da­li­tät führen. Wenn die Ängste den Alltag beein­träch­ti­gen, braucht man psycho­lo­gi­sche Hilfe. Für viele fällt auch eine normale Versor­gung weg, z. B. beim Zahn­arzt, mit dem Mutter-Kind-Besu­chen oder die Behand­lung bei einem Sprach­feh­ler. Es gibt darüber einen Bericht von der Öster­rei­chi­schen Liga für Kinder- und Jugend­ge­sund­heit (Bericht zur Lage der Kinder- und Jugend­ge­sund­heit in Öster­reich 2020)

Man spricht über den Lockdown als ein traumatisierendes Event für Kinder und Jugendliche. Wie sehen Sie das?

Man sollte aufpas­sen mit dem Begriff Trauma. Für manche kann dies der Fall sein. Psycho­lo­gisch gese­hen ist ein Trauma ein uner­war­te­tes Ereig­nis, welches über uns herein­bricht und wofür wir keine Bewäl­ti­gungs­for­men lernen können. Das ist auch für viele passiert, da Kinder mit einer neuen Situa­tion konfron­tiert waren. Viele haben eine Resi­li­enz, also eine psychi­sche Wider­stands­fä­hig­keit, gebil­det. Das Ausken­nen von vorher war nicht da, was auch zu einem Trauma führen kann. Aller­dings führt nicht alles zu einem Trauma. Für die einen ist die Pande­mie gefähr­lich, sie fühlen sich hilf­los und ohne Schutz. Die ande­ren nehmen die Situa­tion aber als sehr normal auf. Kinder mit einer guten Wider­stands­kraft (Resi­li­enz) und wenig Vulnera­bi­li­tät (Verletz­lich­keit) sind dieje­ni­gen, die gut zurecht­kom­men. Es hängt von diesen zwei Fakto­ren ab. Womög­lich sind sie in der Vergan­gen­heit schon mit dem Tod der Oma konfron­tiert worden und haben es gut über­stan­den. Aber es gibt auch verletz­li­che Kinder, welche trau­rig sind wegen des Auszugs der Schwes­ter, keine Freunde haben wegen eines Schul­wech­sels, keine Lehr­stelle finden, die belas­tet sind, weil die Eltern strei­ten, oder frus­triert sind, weil der Sport­ver­ein ausfällt. Diese Kinder sind verletz­lich und dann kommt der Lock­down und die Kinder sind über­for­dert.

Was halten Sie von E‑Learning und dessen Umsetzung?

Prin­zi­pi­ell ist es super, dass es die Möglich­keit gibt, dass wir mitein­an­der in Kontakt blei­ben können. Das ist viel einfa­cher als früher. Aber man muss auch wissen, wie man damit umgeht. Wenn man zu viel Zeit virtu­ell kommu­ni­ziert und nicht im echten Leben, dann ist es was ande­res. Man kann das normale Gespräch nicht erset­zen und sollte das auch nicht. In unse­rer Konsum­ge­sell­schaft ist es nicht gesund für Kinder, so viel Zeit vor dem Bild­schirm zu verbrin­gen. Es gibt 7‑Jährige, die Fort­nite spie­len, und das ist nicht gesund. Wir leben alle mit tech­ni­schen Gerä­ten, aber man muss Kinder und Jugend­li­che darüber aufklä­ren, was erlaubt ist und was nicht. Ein Junge verschickt aus Rache die Nackt­bil­der seiner Freun­din und wundert sich dann über die Vorstrafe in seinem Regis­ter.

Wird sich der zweite Lockdown vom ersten unterscheiden?

Es ist eine poli­ti­sche Entschei­dung. Aber bevor unser aller Gesund­heit gefähr­det ist, weil die

Spitä­ler über­füllt sind, müssen wir zusam­men­hel­fen. Vor allem jetzt, wo Kinder­gär­ten und Schu­len zu sind. Kinder, welche Probleme und Stress haben, soll­ten trotz­dem gut von Lehre­rIn­nen betreut werden. Das Kind soll nicht nur den Laptop einge­schal­tet haben. Es soll nicht nur in die Einrich­tung gebracht werden. Dort soll nicht nur auf die Leis­tung geschaut werden, sondern auch, ob es den Kindern gut geht, emotio­nal oder mental. Und sie sollen fragen können. Viel­leicht haben sie kein stabi­les Zuhause, haben Sorgen, oder sie werden geschla­gen. Sie brau­chen Bezugs­per­so­nen. Vor allem jetzt, da sie keine ande­ren Kinder oder Freunde tref­fen können.

Am 20. November ist der Tag der Kinderrechte. Werden diese während der Pandemie beachtet?

Ich hoffe schon. Es ist eine Heraus­for­de­rung. Kinder haben ein Recht auf Frei­zeit, ein Recht auf Bildung, ein Recht auf ein Aufwach­sen ohne Gewalt etc. Jugend­li­che sollen nach­fra­gen, sich selbst einbrin­gen, wie bei „Mund auf, Ohren auf, Kinder spre­chen selbst“. Wie geht es ihnen wirk­lich? Nicht nur ich rede für die Kinder, sondern ihr selbst sagt, wie die Dinge sind: „Ich habe Angst, Wut oder Trauer.“ Das macht Mut, dass es Jugend­li­che gibt, die das in die Hand nehmen. Sie müssen hier in 50 Jahren noch leben und da sind alle Initia­ti­ven direkt von Jugend­li­chen äußerst hilf­reich.

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Wie beeinflusst die Pandemie Kinderrechte in Österreich?

Dr. Helmut Sax
Forscher am Ludwig-Boltz­mann-Insti­tut für Menschen­rechte
Dr. Helmut Sax
Forscher am Ludwig-Boltz­mann-Insti­tut für Menschen­rechte

Alles, was mit der Pande­mie zu tun hat, hat letzt­lich auch mit den Kindern zu tun und damit auch Auswir­kun­gen auf ihre Rechte. Ich glaube, es ist sehr deut­lich gewor­den, dass Covid-19 nicht nur eine Krank­heit ist, sondern dass die Auswir­kun­gen letzt­lich uns als ganze Gesell­schaft betref­fen. Die getrof­fe­nen Maßnah­men grei­fen zum Teil sehr stark in unser Privat­le­ben ein. Man kann nicht mehr jeden Tag raus­ge­hen, keine Freunde mehr tref­fen, und der Unter­richt funk­tio­niert weit­ge­hend über Distance Lear­ning. Das sind massive Auswir­kun­gen, die es so noch nie gege­ben hat.

Ganz gene­rell würde ich sagen: Die Auswir­kun­gen der Pande­mie hat alle Kinder und Jugend­li­chen betrof­fen, und zwar in vielen Berei­chen: Kinder­rechte, Gesund­heit, Bildung, im sozia­len Zusam­men­le­ben, bis hin zu Konflik­ten und mögli­cher Gewalt.

Wie beurteilen Sie die Schließungen der Schulen mit Umstieg ins Distance Learning?

Ich war selbst dage­gen, dass man Schu­len einfach zusperrt. Letzt­end­lich ist es so auch nicht gekom­men, aber statt­des­sen haben wir eine „halb­gute“ Lösung. Das Grund­pro­blem war, dass Schule für Kinder und Jugend­li­che viele Funk­tio­nen hat. Natür­lich geht es darum, dass man etwas lernt. Man geht aber auch hin, weil man Gleich­alt­rige trifft. Es ist erwie­sen, dass man in Grup­pen viele Dinge besser lernen kann. Schule hat viele Dimen­sio­nen, die für junge Leute sehr wich­tig sind — auch dass man einmal raus kann von zuhause. Aus meiner Sicht hat man vorher zu wenig über­legt, wie man verhin­dern kann, dass es zu solchen Schul­schlie­ßun­gen über­haupt kommt. Es ist sehr unter­schied­lich, wie die Schu­len mit der Situa­tion umge­hen und wie sich dies auf die Kinder auswirkt. Man über­lässt mehr oder weni­ger den Schu­len, wie die Lehrer damit zurecht kommen sollen. Das ist eine ziem­li­che Anfor­de­rung, würde ich sagen.

Könnten die aktuellen Einschränkungen der Kinderrechte auch längerfristige Folgen haben?

Wenn schon länger­fris­tige Folgen, dann hoffe ich, dass etwas Posi­ti­ves übrig bleibt. Das fängt auf einer ganz einfa­chen Ebene an: Gerade die Schu­len haben jetzt gese­hen, dass sie sich mit Tech­nik, Inter­net und digi­ta­len Medien beschäf­ti­gen müssen. Wenn es bisher um Handys in der Schule ging, war die einfachste Lösung immer: Am besten verbie­ten. Jetzt sieht man, wie extrem wich­tig digi­tale Medien sind und wie kurz­sich­tig bisher eigent­lich gedacht wurde.

Die andere Frage ist: Wer kann sich ein Handy oder ein Tablet leis­ten? Im Distance Lear­ning hat im Ideal­fall jedes Kind einen eige­nen Compu­ter. Den können sich viele nicht leis­ten. Kinder mit guten Rahmen­be­din­gun­gen können auch ganz gut von zu Hause aus für die Schule lernen. Aber wie geht es Kindern, die nicht solche Grund­vor­aus­set­zun­gen haben?

Ich habe in der Diskus­sion bis jetzt ganz wenig gehört, dass man sich Gedan­ken macht, wie es ärme­ren Fami­lien mit weni­ger Geld in Öster­reich geht. Oder ande­res Thema: Inte­gra­tion und Inklu­sion von Kindern mit Behin­de­run­gen, nicht nur auf die Bildung selber bezo­gen. Alle jene, die es extra­schwer haben, darf man jetzt nicht verges­sen und zurück­las­sen. Dass das nicht so sein soll, sagt sich schnell. Aber man wird sich in Zukunft sehr genau anschauen müssen: Was hat diese Pande­mie mit verschie­de­nen Grup­pen, gerade mit Kindern, Jugend­li­chen und Fami­lien, gemacht? Welche neuen Risi­ken sind entstan­den und wie kann man darauf reagie­ren?

Kinder spielen in dieser Pandemie keine Hauptrolle, sie sind keine Risikogruppe. Finden Sie dennoch, dass man mehr Rücksicht auf Kinder in der Pandemie nehmen sollte?

Ja, defi­ni­tiv. Junge Leute sind Teil unse­rer Gesell­schaft. Bis jetzt wurde zu wenig auf sie gehört. Es gibt zwar an sich Exper­tIn­nen, die auch die Regie­rung bera­ten, aber das sind alles letzt­lich Erwach­sene. Mir ist nicht bekannt, dass man in Öster­reich eine Umfrage gestar­tet hätte: Wie geht es den Kindern und Jugend­li­chen mit den Auswir­kun­gen mit der Pande­mie? Darum finde ich es auch super von euch, dass ihr über den Blog von jung&weise die Möglich­keit schafft, dass junge Leute, aber auch ältere wie ich (lacht), gehört werden.

Wenn es irgend­ein Wirt­schafts­thema gibt, dann setzen sich auch die Erwach­se­nen zusam­men, die in dem Bereich arbei­ten. Sie bespre­chen und orga­ni­sie­ren sich, melden sich zu Wort und stel­len Forde­run­gen. Genauso sollte es bei jungen Leuten sein, wenn es um Fragen wie Bildung, Kinder­kul­tur oder Frei­zeit­ein­rich­tun­gen geht.

Was würden Sie konkret für Kinder und Jugendliche verändern?

Wenn es um den Umgang mit der Pande­mie geht, soll­ten junge Leute mitein­be­zo­gen werden und zu Wort kommen. Ganz gene­rell finde ich auch, es wäre eine Gele­gen­heit, das Thema „Was heißt Gesund­heit?“ noch einmal etwas brei­ter zu disku­tie­ren. Es geht nicht nur darum, dass man schwere Lungen­krank­hei­ten bekom­men kann. Dass Leute zuhause blei­ben, sich isolie­ren, und gerade auch die jungen Leute davon betrof­fen sind: Das sind auch alles Gesund­heits­the­men. Auch die Inter­na­tio­nale Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion sagt: Gesund­heit defi­niert sich nicht nur durch das Fehlen einer Krank­heit. Man kann sich nicht krank fühlen und trotz­dem nicht gesund sein, weil man sich einfach nicht wohl­fühlt. Gesund­heit hängt auch damit zusam­men, dass man sich mit ande­ren Menschen trifft und sich austauscht.

Ich denke trotz­dem: Die Erfah­run­gen, die wir alle jetzt machen, sind auch etwas Einzig­ar­ti­ges. Hoffent­lich kann man sie auch für etwas Posi­ti­ves nutzen. Alle Leute, die diese Krise bewäl­tigt haben, können auch darauf stolz sein. Das ist nichts, was normal ist, nichts Selbst­ver­ständ­li­ches. Es freuen sich eh schon wieder alle auf die Zeit danach, wenn das normale Leben wieder weiter­geht. – Aber hoffent­lich mit ein paar Erfah­run­gen, die man in der Krise gemacht hat: Was gut funk­tio­niert hat, und was nicht gut funk­tio­niert hat. Dass wir halt „gschei­ter“ werden, als ganze Gesell­schaft, inklu­sive der jungen Leute.

Dr. Helmut Sax ist Forscher am Ludwig-Bolt­z­­mann-Insti­­tut für Menschen­rechte.
Er arbei­tet zu den Berei­chen Frauen- und Kinder­rechte, Menschen­han­del,
Menschen­würde und öffent­li­che Sicher­heit und ist im Vorstand des Netz­werks
Kinder­rechte Öster­reich.

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Eingeschränkte Kinderrechte in der Pandemie

Was sagen die Medien dazu?

Die Medien zeich­nen ein recht klares und einheit­li­ches Bild: Viele Kinder­rechte werden momen­tan einge­schränkt. Das betrifft nicht nur das Recht auf Bildung. Kontakt­ver­bote und geschlos­sene Frei­zeit­be­triebe verlet­zen darüber hinaus die Rechte auf Spiel, Frei­zeit und gesell­schaft­li­che Teil­habe. In den Medien wird aller­dings beson­ders das Recht auf Bildung betont. Unter­schied­lichste Voraus­set­zun­gen im Home­schoo­ling führen dazu, dass vor allem Schüler*innen mit Lern­schwä­chen noch weiter zurück­fal­len werden. Eine weitere Folge des Lock­downs, die Kinder trifft, ist die Zunahme psychi­scher und physi­scher Gewalt. Wenn Fami­lien viel Zeit auf engem Raum verbrin­gen müssen, können Konflikte schnel­ler eska­lie­ren. Gleich­zei­tig ist es für Außen­ste­hende während des Lock­downs oft schwie­rig, Probleme dieser Art zu bemer­ken.

In den Medien wird eines klar: Kinder und Jugend­li­che gehö­ren zwar keiner Risi­ko­gruppe an, leiden aber beson­ders unter den Folgen des Lock­downs. Selbst in einer Pande­mie darf man Kinder­rechte nicht aus den Augen verlie­ren. Auch wenn viele aktu­elle Einschrän­kun­gen notwen­dig sind: Ein wacher und kriti­scher Blick auf die getrof­fe­nen Maßnah­men bleibt unver­zicht­bar.